Es war ein bewegendes Ereignis – vergangene Woche in Frankfurt. Die 95jährige Holocaustüberlebende Trude Simonsohn bekam in der Paulskirche als erste Frau in der Geschichte Frankfurts das Ehrenbürgerrecht verliehen. Es war ganz still im weiten Rund der Paulskirche als die Geehrte mit zart-fester Stimme zu Reden anhob. Und sie appeliert an die Jugend von heute: „Ihr tragt keine Schuld, aber Verantwortung. Sagt zum Unrecht sofort NEIN.“
Die, die solche Worte nicht hören wollen, werden sie auch weiterhin nicht hören, doch wie ist es mit den Studierenden, den jungen Menschen heute, an die sich Trude Simonsohn wandte? Gibt es Potential zum Auf- , zum Widerstand, zur Revolte, wenn die Demokratie, die Menschenwürde, die Religionsfreiheit, die Pressefreiheit… immer gefährtdeter sind? Demokratie ist kein Selbstläufer, sie ist die schwierigste aller Staatsformen.
Auch das III. Reich kam schleichend, nicht über Nacht. Kampf und Kontemplation (Frère Roger, Taize) sind Geschwister.
Auf meinen Reisen in das polnische Kreisau fiel mir in der absolut sehenswerten Ausstellung über Widerstand im vergangenen Jahrhundert immer wieder ein Satz von Freya von Moltke auf:
„Es lohnt sich, immer etwas zu tun, was man nicht für sich tut. Das ist etwas, was beglückend ist und lebenserfüllend.“
Das Schauen über den Tellerrand meines eigenen Lebens hinaus – ja, das ist beglückend, nicht das Kreisen um mein Ego und die Erfüllung seiner Wünsche.
Leben ist schön. Leben ist gefährdet. Leben will geschützt sein. Leben ist dann erfüllend, wenn es über sich hinausweist.
Christlich ausgedrückt: Frère Roger sagte beim Konzil der Jugend: „Du mußt nicht die ganze Bibel verstehen und leben,
eine Stelle genügt, diese eine Stelle lebe dann.“
Für mich war dies die letzten Jahrzehnte das Wort Jesu „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt. 9,13), gepaart mit all‘ den wunderbaren Geschichten gelebter Gastfreundschaft!
Mein Leben, schön, verrückt, mit Licht und Schatten, Tränen und Lachen, Auf und Ab, immer getragen von Menschen und Gott, gleitet nun in die herbstliche Phase – und wie wir ja gerade sehen: Der Herbst ist bunt!
40 Jahre Seelsorge – es war immer aufregend!
Bei dem sehr beeindruckenden Abschiedswochenende hier in der KHG, habe ich am Schluß für all‘ diese Menschen, die mir in diesen 40 Jahren begegnet sind, das Lied „Days“ meiner Kinks gesungen (ich habe es versucht…:-)…). Es ist auch ein Lied, das mich seit seinem Erscheinen 1968 begleitet:

Thank you for the days – those endless days, those sacred days you gave me –
I’m thinking of the days – i won’t forget a single day believe me –
I bless the light – i bless the light that lights on you believe me –
Days i’ll remember all my life.

Ja, so ist es!
Nun heißt es gehen, der nächste Ort auf meiner Lebensreise erwartet mich.
Mein Wunsch für uns Alle:

Im übrigen meine ich, dass Gott uns das Geleit geben möge
immerdar
auf unserem langen Weg zu unserer Menschwerdung
auf dem endlos langen Pfad zwischen Gut und Böse
Herzenswünschen und niedrigen Spekulationen
Er möge uns ganz nahe sein in unserer Not
Wenn wir uns im dornigen Gestrüpp der Wirklichkeit verlieren
Er möge uns in den großen anonymen Städten
wieder an die Hand nehmen
Damit wir unserer Phantasie folgen können
und auf dem weiten flachen Land
wollen wir ihn auf unseren Wegen erkennen. (Hanns Dieter Hüsch)

Be blessed – cum deo – in Gottes Hand!
Euer companero Thomas Ries

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