„Ich weiß gar nichts, wie ich beginnen soll…“
so fängt ein Lied von Reinhard Mey an und sinngemäß singt er weiter: „…mein Herz und Verstand so voll…“
Ähnlich geht es mir in diesen Tagen.
Ich sitze vor meinem PC und so Vieles, zu Vieles geistert durch Hirn und Herz.
Vielleicht geht es ja Dir beim Lesen auch so: Gelinde gesagt: Es ist eine „verwirrende, überfordernde Zeit“.
Wenn ich Tagesschau sehe, gibt es nichts mehr, worüber ich mich nicht aufrege, gibt es nichts mehr, was mir nicht Angst einjagt, gibt es, trotz alledem, kleine Oasen der Hoffnung.
Und Fragen über Fragen:
Woher kommt dieser Hass?
Woher kommt die „Angst vor dem Fremden“?
Was lässt Menschen durchdrehen?
Geht es nur noch um „Macht über…“?
Und letztendlich: Was kann ich dagegen setzen?
Zum Beispiel die Szenen des internationalen Friedensgottesdienstes am Sonntag, die berührenden Gespräche mit Menschen aus Italien, Polen, Weißrussland, Ukraine, China, Japan… Friede ist möglich! Er beginnt im Kleinen! Die Angst vor dem Fremden ist unbegründet! Anstatt über Smartphone u.ä. sollten wir uns von Angesicht zu Angesicht in die Augen schauen „Wer bist Du Mensch? Wer bist Du, mein Gegenüber“?
Nein, auf den Pokemon-Wahn gehe ich jetzt nicht ein (auch nicht auf Erdohan, Trump, Vogt, usw.).
Es hilft nur die Begegnung! Es hilft nur die Berührung! Es hilft nur Barmherzigkeit im Alltag!
Wer Angst und Hass schürt, versündigt sich!
Vielleicht sollten wir dieses alte Wort „Sünde“ mal wieder ausbuddeln.
Wer nicht bereit ist, den schmalen Weg gegen den Mainstream zu gehen, wird sich verirren.
Und: Die Hoffnung besiegt den Hass! Die Liebe besiegt den Hass!
Daran halte ich fest! Das lasse ich nie los!
1976 war ich das erste Mal in Griechenland – ein junger Theologiestudent.
Das „fremde Griechenland“ ist mir längst zweite Heimat geworden, viele Bilder von Versöhnung, Herzlichkeit und Gastfreundschaft trage ich seitdem in meinem Herzen. Die innere Bereitschaft, sich „dem Fremden“ zu öffnen, hat sich für mich immer „gelohnt“, hat mich immer im Leben weitergebracht.
Eine der wenigen postiven Konsequenzen aus „Bologna 2000“ ist für mich, die verstärkte Einladung an Studierende zu reisen. „Auslandssemester“ – das war in meiner Studentenzeit ein Fremdwort.
„Reisen bildet“ – sagten die Alten.
Und der bayrische Schriftsteller Oskar Maria Graf hält fest:
„Reisen sollte der Mensch, der bereit ist, sich ständig überraschen zu lassen.
Man muss sich, so glaube ich, zunächst einer solchen Sache völlig kritiklos hingeben, muss wie ein Schwamm, den man ins Wasser wirft, erst alles aufsaugen, um es später – vielleicht lange nachher – auf irgendeine Weise verarbeiten zu können.
Was immer ein Mensch erlebt, er gewinnt dadurch“.
Das schrieb er 1934 als er sich per Bahn auf eine Reise nach Sowjetrussland begab!
Nein, die Zurückschauer – ihre Gegenwart ist ein Festhalten an der Vergangenheit – die Restaurierer, werden die Erde nicht bewegen können. Schon die Frau von Lot erstarrte zur Salzsäure, als sie zurückschaute…
Der Weg in die Zukunft ist ein Reiseweg und eine Reise geht nach Vorne – ins Ungewisse?
Ja, auch, aber auch mit der Gewissheit nicht allein zu sein.
„Wir werden immer mehr“ – sangen wir in der Antiatomkraftbewegung, in der Friedensbewegung, in Wackersdorf…
Nicht alleine verzweifeln,  sondern gemeinsam mit companeros unterwegs sein – das alte Bild der Theologie der Befreiung vom „pilgernden Gottesvolk“ – das ist es weiterhin, das mich eben nicht verzweifeln lässt und den Becher von Wut, Angst und Empörung immer wieder mit der Schlagsahne „Es ist schön zu leben“ garniert!
Wer sich auf Reisen begibt, schaut nach vorne!
Wer sich auf Reisen begibt, freut sich auf das Risiko der Begegnung mit „dem Fremden“!
Wer sich auf Reisen begibt, verzweifelt nicht am Leben!
Wer sich auf Reisen begibt, erlebt Tag für Tag, dass die Welt bunt ist und nicht Schwarz-Weiß, wie uns die populistischen Unheilspropheten weiss machen wollen.
Ja, „Reisen bildet“ – und nicht nur das, es ist ein starkes Ausrufezeichen von Menschen, die den Glauben an Frieden – Gerechtigkeit – Bewahrung der Schöpfung nicht aufgeben wollen.
„Ich weiß gar nicht, wie ich beginnen soll…“
Wir alle können Tag für Tag neu beginnen, das Leben zu lieben mit Leidenschaft, den Nächsten zu lieben, wie uns selbst,
die Kostbarkeit jedes einzelnen Menschenleben zu achten, zu geniessen den Tag…

Mit einem spätsommerlichen Segensgruß
Thomas Ries

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