– English version below –

Schönheit und Sehnsucht

In diesen letzten Oktobertagen hat der “Goldene Oktober” noch einmal alles gegeben. Sonne und Farben, die wir in uns aufnehmen dürfen und die uns gut tun. Schönheit berührt.

Ich muss dabei an eine alte Kindergeschichte denken – die Geschichte von der Maus Frederick, die, während alle anderen Mäuse Körner, Nüsse und andere Vorräte sammeln, stattdessen dasitzt und scheinbar nur vor sich hinträumt. Als die anderen Mäuse ihn fragen: “Frederick, warum arbeitest du nicht?”, da lautet seine Antwort: “Ich arbeite doch. Ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage. Ich sammle Farben, denn der Winter ist grau.”

Ich kann Frederick gut verstehen. Ich brauche auch Sonne und Farben, genauso wie ich Nahrung und warme Kleidung brauche. Ich brauche Momente des Glücks in meinem Leben, Momente der Geborgenheit und Ruhe, aber auch ab und zu Momente der Ausgelassenheit. All diese Momente geben mir Kraft, das Leben zu meistern und auch dunkle Stunden und trübe Stimmungen auszuhalten.

Wir Menschen sind keine Maschinen, die dafür gemacht sind, einfach immer und unter allen äußeren Umständen zu funktionieren. Wir sind zerbrechlich und bedürftig – und das ist gut so. Wir brauchen einander, wir brauchen Schönheit, Glück und Liebe in unserem Leben. Für den griechischen Philosophen Platon waren das Schöne, Wahre und Gute das höchste Ziel des menschlichen Daseins. Sein Schüler Aristoteles und später die christliche Philosophie haben diesen Gedanken aufgenommen und Gott als das “Summum bonum” definiert, das höchste Gute, das Ziel unserer menschlichen Sehnsucht.

Ich finde das einen ermutigenden Gedanken: Dass wir immer dann, wenn wir von Schönheit berührt werden, etwas Göttliches spüren dürfen. Dass unsere Sehnsucht nach Schönheit, Liebe, Wärme und Geborgenheit ein Ziel hat. Dass dieses Ziel größer ist als wir, größer als unsere materielle Existenz. Und dass unsere Bedürftigkeit, unsere Zerbrechlichkeit und Sehnsucht letzlich Wegweiser sind – Wegweiser zur Gemeinschaft mit anderen, die wir brauchen und die uns brauchen, und am Ende Wegweiser zu Gott, der “Sonne der Gerechtigkeit”, dem “ewigen Licht”.

Das morgige Fest Allerheiligen kann uns daran erinnern. Die Menschen, die wir als “Heilige” bezeichnen, waren Menschen, die oft viel Schweres durchlebt haben, aber sich dennoch von ihrer Sehnsucht haben leiten lassen. Sie haben sich berühren und inspirieren lassen von der Hoffnung, von Liebe und Mitgefühl. Für mich sind sie ein Ansporn: Nicht einfach nur zu leben und zu funktionieren, sondern offen zu bleiben für die Welt um mich herum: für die Schönheit der Natur, vor allem aber auch für die Schönheit der Begegnung mit anderen Menschen, für das Wunderbare unserer Existenz.

Einen gesegneten Feiertag und einen guten Start in den November wünscht Euch

Eure Hochschulseelsorgerin Barbara

 

– English version –

Beauty and longing

In these last days of October, the “Golden October” has once again given everything. Sun and colours that we can take in and that do us good. Beauty touches.

It makes me think of an old children’s story – the story of Frederick the mouse, who, while all the other mice are gathering grains, nuts and other supplies, sits there instead, seemingly just daydreaming. When the other mice ask him: “Frederick, why aren’t you working?”, his answer is: “I am working. I collect sun rays for the cold, dark winter days. I’m collecting colours, because winter is grey.”

I can well understand Frederick. I need sunshine and colours too, just as I need food and warm clothes. I need moments of happiness in my life, moments of security and peace, but also moments of exuberance now and then. All these moments give me strength to master life and also to endure dark hours and gloomy moods.

We humans are not machines that are made to simply function always and under all external circumstances. We are fragile and needy – and that is a good thing. We need each other, we need beauty, happiness and love in our lives. For the Greek philosopher Plato, the beautiful, the true and the good were the highest goal of human existence. His student Aristotle and later Christian philosophy took up this thought and defined God as the “Summum bonum”, the highest good, the goal of our human longing.

I find this an encouraging thought: that whenever we are touched by beauty, we may feel something divine. That our longing for beauty, love, warmth and security has a goal. That this goal is greater than us, greater than our material existence. And that our neediness, our fragility and longing are ultimately signposts – signposts to communion with others whom we need and who need us, and in the end signposts to God, the “sun of justice”, the “eternal light”.

Tomorrow’s feast of All Saints can remind us of this. The people we call “saints” were people who often lived through much hardship, but still let their longing guide them. They let themselves be touched and inspired by hope, love and compassion. For me, they are an incentive: not simply to live and function, but to remain open to the world around me: to the beauty of nature, but above all to the beauty of meeting other people, to the wonderfulness of our existence.

Wishing you a blessed holiday and a good start into November

Your university chaplain Barbara